Vom 15. bis 21. August 2009 fand in der chinesischen Hauptstadt Peking der 47. Intersteno-Kongress - die Weltmeisterschaft der Stenografen und Tastschreiber - statt. Auch die für den Dülmener Stenografenverein schreibende Weltmeisterin Annemarie Mersch reiste ins Land der aufgehenden Sonne, um ihren vor zwei Jahren in Prag erschriebenen Titel zu verteidigen und an vier von sechs weiteren Disziplinen teilzunehmen.

Die 64-köpfige deutsche Delegation hat sich am Frankfurter Flughafen gesammelt, um gemeinsam den zehnstündigen Flug nach Peking anzutreten. Das Wetter in Peking war heiß und schwül und der Smog übertraf alle Erwartungen.

Nachdem sich alle an die hohen Temperaturen gewöhnt hatten, fanden am Sonntag im „Olympic Sports Center" auf dem Olympiagelände die Schreiben statt. Der erste von zwei Wettschreibtagen begann mit der Texterfassung. Dort wird über einen Zeitraum von 30 Minuten ein Text abgeschrieben - wer am schnellsten und gleichzeitig am fehlerfreisten ist, hat gute Chancen auf einen Platz auf dem Siegertreppchen. Annemarie Mersch schrieb hier 338 Anschläge pro Minute mit einer geringen Fehlerquote und erreichte so ihre persönliche Bestleistung.

Weiter ging der Wettschreibtag mit der Disziplin Textkorrektur, bei der ein vorgegebener Text 10 Minuten lang „bearbeitet" wird (u. a. mit Formatierungen wie fett, kursiv, Wörter einfügen, zentriert). Bei Annemarie Mersch, vor zwei Jahren Schülerweltmeisterin in dieser Disziplin, reichte es in diesem Jahr mit 143 Korrekturen in 10 Minuten in der Jugendklasse aufgrund der zeitaufwändigeren Korrekturen und der in dieser Altersklasse größeren Konkurrenz der Tschechen nur für den 5. Platz. Dennoch ist sie mit ihrer Leistung drittbeste Deutsche und mit großem Abstand beste deutsche Jugendliche.

Die letzte Kraftanstrengung am Sonntag war der Wettbewerb „Korrespondenz und Protokollführung", an dem einige deutsche Schreiber teilgenommen haben. Darunter auch Annemarie Mersch, die hier zum allerersten Mal startete. Bei dieser Disziplin wird zuerst ein Brieftext diktiert, der stenografisch aufgenommen und später wortwörtlich wieder in Langschrift übersetzt werden muss. Danach folgt eine 7-minütige Steigerungsansage (von 160 bis 240 Silben), die inhaltlich wiedergegeben werden muss. Dabei darf nur eine bestimmte Wortzahl benutzt werden. Die Vollständigkeit der Wiedergabe wird in Prozent ausgedrückt und entscheidet über die Platzierung. Annemarie Mersch war in der Jugendklasse die Einzige, die handschriftlich das Diktat und das Protokoll aufgenommen hat und landete mit einer inhaltlichen Vollständigkeit von 73 % auf dem 10. Platz hinter einer Reihe von Chinesen und Tschechen.

Am Montag folgten dann die restlichen Kurzschrift-Wettbewerbe. Der Tag fing für Annemarie und die anderen deutschen Stenografen mit der deutschen Kurzschriftansage an. Alle Ansagen wurden vorher aufgezeichnet, um so optimale Wettbewerbsbedingungen garantieren zu können. Die deutsche Ansage hatte eine Startgeschwindigkeit von 157 Silben und steigerte sich innerhalb von 15 Minuten auf eine mögliche Endgeschwindigkeit von 463 Silben. Zum Bestehen müssen mindestens drei Minuten des Textes, welcher sich mit „Erwachsenenbildung" beschäftigte, erfolgreich mitgeschrieben und übertragen werden (bis 195 Silben). Auch in dieser Disziplin startete Annemarie zum ersten Mal auf internationaler Ebene. Sie schrieb drei Minuten lang mit und konnte sich so mit 195 Silben den Vize-Weltmeistertitel hinter einem Ungarn sichern, der die gleiche Endgeschwindigkeit mit nur ein paar weniger Fehlern schrieb. Einige erfahrene deutsche Schreiber (u. a. ein Parlamentsstenograf) konnte Annemarie in dieser Disziplin überraschenderweise hinter sich lassen. Der Pokal in Form einer chinesischen Vase mit einer Drachenverzierung sowie der Urkunde und der Silbermedaille wurden ihr im Rahmen der Siegerehrung am Donnerstagnachmittag überreicht.

Als letzte Disziplin stand für Annemarie der Mehrsprachenwettbewerb auf dem Programm. Hierbei können Fremdsprachen (u. a. Englisch, Französisch und sogar Interlingua und Latein) in einer Geschwindigkeit von 120 bis 140 Silben pro Minute stenografiert und übertragen werden. Annemarie versuchte sich in Englisch. Wieder landete sie aufgrund der benachteiligten Situation als „Handstenografin" (alle nicht-deutschen Teilnehmer benutzten Stenografiermaschinen, was die Übertragung erheblich erleichterte) nur auf Platz sieben.

In der Kombinationswertung (Zusammenfassung von mindestens drei erfolgreich bestandenen Wettbewerben) war Annemarie die einzige deutsche Jugendliche, die hier gewertet werden konnte. Zwischen zahlreichen Tschechen erreichte sie dabei den hervorragenden 6. Platz.

Nachdem alle Wettschreiben beendet waren, unternahm die deutsche Delegation zusammen mit ihren chinesisch- und deutschsprachigen Reiseführern noch Ausflüge zur Verbotenen Stadt, zum Himmelstempel, zur Großen Mauer und zu den Olympiastadien „Vogelnest" und „Water Cube". Natürlich wurden auch Gärstände besucht, die Maden, Käfer, Skorpione, Seepferdchen oder auch Seesterne - zum Teil noch lebend - verkauft haben. Außerdem ging es noch zur Pekingoper und zum Peking-Enten-Essen. Natürlich haben wir auch gelernt, mit Stäbchen zu essen. Dies wurde in den folgenden Tagen immer wieder auf die Probe gestellt, so gab es beim chinesischen Buffet nach der Siegerehrung nur Stäbchen zum Essen.

Am Freitagmorgen ging es für einen Teil der Gruppe wieder zurück ins weit entfernte Deutschland, während der Rest noch eine China-Rundreise anschloss. Alles in allem war es ein gelungener 47. Intersteno-Kongress und wir freuen uns schon auf den nächsten Intersteno-Kongress 2011 in Paris.